"Wir müssen nicht alle gleich sein." - Interview mit Melanie Gerber

Aktualisiert: Juli 19

Das Interview mit der Schweizer Autorin Melanie Gerber ist der letzte Beitrag der Interviewreihe zu unserer Anthologie "Ich Superheld! Das vielfältige Geschichtenbuch" . Ihr Zitat zum Thema "Vielfalt" eröffnete die Reihe und mit ihren Gedanken und Einblicken in das Entstehen ihrer Geschichte "Eine Stadt für Ben" schließen wir sie nun.



Wann haben Sie angefangen, zu schreiben?


In der 1. oder 2. Klasse hat mir meine Lehrerin ein liniertes Heft geschenkt. Darin entstand meine erste Geschichte rund um Lisa. Berufswunsch Schriftstellerin war mir drei Jahre später bereits klar. Ernsthaft ins Auge gefasst habe ich es aber erst, als ich erwachsen war. Zuerst entstanden Kurzgeschichten, später habe ich einen Bildungsgang in literarischem Schreiben besucht und mir regelmäßig Zeit zum Schreiben genommen. Seither fließen die Ideen ungebremst.



Wo und in welcher Atmosphäre schreiben Sie am liebsten?


Ganz ehrlich, am häufigsten schreibe ich im Bett. Zum Beispiel am Morgen, direkt nach dem Aufwachen. Oder am Abend, bevor ich schlafen gehe. Ich schreibe am Besten, wenn ich alleine bin und kann gut auch in kleinen Stückchen zwischendurch an einem Text arbeiten. Wenn ein längerer Text dann weit fortgeschritten ist, reserviere ich mir ein Wochenende nur für mich und mein Buch und schreibe es in einem Stück zu Ende. Das ist ein schönes Gefühl!


Was hat Sie zu Ihrer Geschichte inspiriert?


In meinem beruflichen und privaten Umfeld erlebe ich immer wieder Kinder, die nicht ganz der Norm entsprechen. Oft leiden dann die Familien darunter, dass sie nicht verstanden werden. Ich wünschte mir einen offeneren Umgang mit solchen Themen. Ganz bewusst habe ich es auch offen gelassen, was genau mit Ben los ist. Schließlich beschreibt Tara ihren Bruder aus ihren Augen und für sie sind das die Windeln, die er noch trägt, und dass er mit Gebärden statt mit Worten spricht.



Was bedeutet für Sie „Vielfalt“?


Vielfalt heißt, dass wir uns nicht aneinander messen müssen. Wir müssen nicht alle gleich sein. Viel spannender ist es doch, wenn wir entdecken, wer wir selber und wer die Menschen um uns herum sind. Wir sind alle verschieden und für mich bedeutet Freiheit, dass wir diese Vielfalt leben dürfen, ohne dafür verurteilt zu werden.


An welchem Projekt schreiben Sie zur Zeit?


Gerade habe ich ein Kinderbuch über einen Jungen fertiggeschrieben, der gerne Trompete spielt und die Samstage mit seinem Großvater verbringt. Er freundet sich mit dem neuen Nachbarsmädchen an, das aus Syrien kommt und nicht so viel spricht. Danach wollte ich mir eine kleine Schreibpause gönnen, aber die Kreativität hat mir bereits neue Ideen geschickt. Also habe ich mich an ein etwas leichteres Thema gewagt und eine Detektivgeschichte für jüngere Bücherwürmer begonnen.



Wenn Sie eine Figur aus einem Kinderbuch treffen könnten, welche wäre es und warum?


Wirklich gerne würde ich Lotta aus der Krachmacherstraße treffen. Astrid Lindgren gehört zu meinen liebsten Kinderbuchautoren, gerade auch weil ihre Figuren so eigensinnig sind und sich nicht alles vorschreiben lassen. Starke Charakteren eben. Lotta habe ich kennengelernt als sie drei Jahre alt und im Quartier dafür bekannt war, ihren Willen durchzusetzen und laut zu schreien. Später zieht sie aus, weil ihr Pullover unbequem ist und mit fünf rettet sie das Weihnachtsfest für ihre Familie. Ich würde Lotta gerne als Erwachsene auf einen Kaffee einladen und mit ihr darüber sprechen, wie sie ihre Kindheit erlebt hat und was heute aus ihr geworden ist. Vielleicht Astronautin? Oder Botschafterin? Vielleicht auch Kinderbuchautorin oder Künstlerin. Und bestimmt klebt sie keine Brötchen mehr auf Zugscheiben, weil ihr gerade langweilig ist.



Vielen Dank!



Ich Superheld! Das vielfältige Geschichtenbuch

ISBN-13: 978-3981996395

9,80 EUR

Cover und Zeichnungen von Flora C. Maaß